
Die preisgekrönte
Fotoserie „zellen“ gewann den 1.Preis des Europäischen Architektur-Fotografie-Preises
2007.
In zentralperspektivischen Aufsichten werden bewohnte Gefängniszellen
verschiedener Justizvollzugsanstalten in Deutschland gezeigt.
Die Serie umfasst neun großformatige Farbfotografien.
Der Europäische Architekturfotografie-Preis 2007 zum Thema »Lieblingsplätze / My Favourite Places« geht an den Fotografen Jürgen Chill. Der Preis wird seit 1995 alle zwei Jahre international ausgelobt und seit 2005 von dem gemeinnützigen architekturbild.e.V. organisiert.
In diesem Jahr hatten
sich 310 Teilnehmer aus 24 Ländern mit ihren jeweils vier Bilder umfassenden
Serien beteiligt. Die Jury unter Vorsitz des Chefredakteurs der Zeitschrift
Photo International, Hans Eberhard Hess, wählte die Fotografieserie aus,
die vier Gefängniszellen in streng zentralpersperspektivischer Sicht
von oben zeigt. Sie als Lieblingsplätze zu bezeichnen, mag zynisch erscheinen,
denn die im Bild nicht gezeigten Häftlinge haben gar keine andere Wahl.
Andererseits wurden die kargen Räume von den Insassen so weit wie möglich
individualisiert, dass sie mindestens auf Zeit wie Lieblingsplätze wirken.
Presseinformation, April 2007, www.architekturbild-ev.de
Der Lieblingsplatz ist
ein Ort, den man frei wählt. Man bekommt ihn nicht zugewiesen.
Er setzt die Freiheit einer Person voraus, die aber nicht jedem zugestanden
ist. Wer diese Freiheit nicht besitzt, richtet sich nach seinen Möglichkeiten
ein und versucht sich seinen Platz zu schaffen.
Eine Zelle ist vielleicht der kleinstmögliche Lebensraum, den ein Mensch
haben kann. Persönliches und funktionales Inventar finden sich auf engstem
Raum.
Die Räume sind so wiedergegeben, wie sie vorgefunden wurden. Das Seitenverhältnis
der Fotografien entspricht dem der Räume. Alle Details in den Räumen
sind senkrecht von oben dargestellt, aber nichts ist verändert.
A person’s
favourite place is a place which can be chosen at will. The person’s
freedom is presupposed. Freedom, however, is not granted to all. Those that
do not have it must adjust to whatever opportunities exist and strive to create
their own place.
A cell is perhaps the smallest possible space for habitation that a person
can have. Personal and functional items are all accommodated in the tightest
space.
The spaces are represented as they are found. The proportions of the photographs
mach those of the rooms. All details in the rooms are shown orthogonally from
above, nothing has been altered.
Jürgen Chill, 2007
„Persönliche Details aus dem Leben der Häftlinge, aber alles ohne die Personen zu denen sie gehören. Eine entmenschlichte Welt, die von der Welt der Menschen erzählt. Es sind beklemmende Fotografien, trotz der Vogelperspektive. Ein Schweben über den Dingen und gleichzeitig das Gefühl des Eingeschlossen seins.“
“Personal details from the life of prisoners, but everything without the individuals to which they belong. A dehumanised world which narrates the world of humans. They are suffocating photographs, despite the bird’s eye perspective. A hovering above things and at the same time the feeling of being entrapped.”WDR, WestArt, Oktober 2008
Nüchtern, präzise
und menschenleer begibt sich Jürgen Chill in seinen Fotoarbeiten auf
die Spurensuche des Lebens und Treibens in diesen privaten Bereichen. Die
ungewohnte perspektivische Darstellung und die hohe Auflösung der großformatigen
Fotografien geben einen erstaunlich
authentischen Blick auf die verborgenen Realitäten dieser Welten.
Hohe Detailgenauigkeit, räumliche Zusammenhänge sowie die Funktion
der Räume stehen im Focus und formen das Bild in seiner grafischen Wiedergabe.
Die vorgefundenen Räumsituationen, sowie das suggestive Geschehen in
den Räumen werden mittels
einer Aufnahmetechnik, die über die optischen Gesetze
der Wahrnehmung hinausgeht, hinterfragt. Der Künstler findet ungesehene
Bilder.
Details, die in unserer Alltagswahrnehmung im Verborgenen
bleiben und die uns das Existierende neu wahrnehmen lassen.
„Ich möchte die Dinge in ihrer nüchternsten Wahrheit wiedergeben
– bin aber gleichzeitig auf der Suche nach neuen perspektivischen Mitteln.
Wenn dadurch ein Widerspruch zwischen dem real Vorhandenem und der Abbildung
entsteht – um so besser.“
In his
photographic works Jürgen Chill proceeds in a sober-minded, precise and
deserted manner in the search of traces of life and activity in these private
realms.
The unusual perspective depiction and the high resolution of the large-format
photographs provide an astonishingly authentic view of the concealed realities
of these worlds.
High detail precision, spatial associations as well as the function of rooms
are the focus and form the image in his graphic reproduction. The spatial
situations as well as the suggestive events in the rooms will be scrutinised
by means of a shooting technique which goes beyond the optical laws of perception.
The artist finds unseen images ? details which remain concealed in our everyday
perception and which allow us to newly perceive the existing.
“I would like to render things in their most sober reality ? but at the same time I am searching for new perspective resources. If a contradiction emerges between the real existence and the illustration ? so much the better!”
Jürgen Chill